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letztes update: 17.06.2015

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Invasive Neozoen in Deutschland

Kanadagans - Branta canadensis Abb. 1 Kanadagans Branta canadensis, Herkunft: Kanada
Foto: Cszmurlo
Lizenz: Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported

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Ich möchte mich hier spezifisch auf in Deutschland als invasiv klassifizierte Neozoen beschränken.
Schlägt man in der Literatur den Begriff Neozoen nach, sieht man sofort, dass mit diesem Begriff viele andere Begriffe assoziiert werden, die häufig auch unterschiedlich verwendet werden. Beispiele dafür wären: Neuankömmlinge, Aliens, Kolonisten, Fremdlinge und Invasoren. Von daher sollte man immer aufpassen, welchen Begriff man wählt oder wie die entsprechenden Begriffe in der jeweiligen Literatur definiert wurden.
Im Gegensatz zu den einheimischen Arten, den sogenannten Indigenen, welche sich nach der Eiszeit ohne menschliche Mithilfe in dem jeweiligen Gebiet ausgebreitet haben, gibt es die Neobioten - die nicht-einheimische Arten.
Als Neobioten werden solche Lebewesen bezeichnet, die seit der Entdeckung Amerikas um 1492 n. Chr. in einem Gebiet durch menschliches Einwirken eingewandert sind, eingeführt oder eingeschleppt wurden. Einige Beispiele aus dem Tierreich wären: die Kanadagans (Branta canadensis) aus Kanada und der Waschbär (Procyon lotor) aus Nordamerika.
Das Referenzjahr 1492 markiert den Beginn der modernen Seefahrt, der die Kontinente miteinander verband und dadurch auch blinde Passagiere transportierte. Arten, die vorher, etwa durch die Römer, in der Antike eingebracht wurden, bekommen die Vorsilbe Archäo-. Beispiele für Archäobioten wären aus dem Tierreich das Heimchen (Acheta domestica) aus Afrika und die Hausmaus (Mus musculus) aus Indien.
Die Neobioten lassen sich generell in 3 Kategorien unterteilen. Für die Pflanzen verwendet man den Begriff Neophyten, für die Pilze Neomyceten und für die Tiere Neozoen.

Zahlen und Fakten zu Neozoen

In Deutschland gibt es laut Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit etwa 1322 Neozoen (Stand 2000).
Natürlich sind nicht alle davon bedrohlich für unsere heimische Flora und Fauna.
Es wurde versucht, eine mathematische Regel zu finden, die die Anzahl der invasiven Arten festlegte.
Kanadagans - Branta canadensis Abb. 2 Verteilung & Verbreitung von Neozoen
Die World Wide Fund For Nature stellte daraufhin die sogenannte Zehnerregel auf.
Diese besagte, dass nur etwa zehn Prozent aller eingewanderten Arten überhaupt im neuen Lebensraum überleben könnten, davon könnten sich zehn Prozent etablieren und von diesem wiederum nur zehn Prozent unerwünschte Auswirkungen auf die heimische Flora und Fauna haben. Das heißt, von 1000 gebietsfremden Arten würde sich nur eine als invasiv erweisen.
Inwiefern die Zehnerregel mit der Realität übereinstimmt, zeigt eine Statistik des Bundesamts für Naturschutz: Laut dieser Statistik sind von über 1000 Neozoen in Deutschland mehr als 200 bereits etabliert. Die Zehnerregel erweist sich in diesem Fall also als unzutreffend. Auch gibt es weitaus mehr invasive Neozoen als 1 unter 1000.
Die Liste, wie Neozoen ins Landesinnere gelangen, ist lang und der Prozess des Einwanderns geschieht auf sehr vielfältige Weise.
Manche machen sich die Gewässer zur Nutze, gelangen z.B. durch neugebaute Kanäle wie den Rhein-Main-Donau-Kanal oder den Mittellandkanal nach Deutschland. Andere gelangen als blinde Passagiere in Gartenerde oder mit Palmensamen, Tabak, Wurzeln und Getreide unbemerkt ins Land.
Für ca. 600 Neozoen konnte man die Art und Weise der Einreise herausfinden.
Während Wirbeltiere meist vorsätzlich ausgesetzt werden (47%), gelangen wirbellose Neozoen jedoch meist unbeabsichtigt ins Land (Tierimport: 19%, mit Warenimport: 36%, mit Transportmittel: 28%, durch aktive Aussetzung: 17%).
Die meistvertretenen Gruppen sind die Insekten (48%), andere Gliedertiere (13%) und Wirbeltiere (23%). Wenn wir uns deren Herkunft anschauen, sehen wir, dass die meisten aus Nordamerika (25%) und Asien (27%) kommen (andere Länder: Europa - 15% & Afrika - 17%).

Monatlicher Niederschlag Abb. 4 Monatlicher Durchschnittsniederschlag
Foto: PZmaps
Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

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Monatlicher Durchschnittstemperatur Abb. 5 Monatlicher Durchschnittstemperatur
Foto: PZmaps
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Vegetation Abb. 3 Vegetation
Foto: Sten Porse
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Gründe für das Überleben der Neozoen

Die Gründe, warum so viele Arten aus ausgerechnet diesen Ländern kommen, sind plausibel:
Wenn wir uns die Vegetation der Erde anschauen, erkennen wir, dass die Vegetation von Nordamerika und Asien unserer Vegetation am ähnlichsten ist (Abb. 3). Was das Klima angeht, verhält es sich ebenso (Abb. 4 & 5). Die Unterschiede zwischen den Gebieten auf der Nordhalbkugel, was Temperaturen und Niederschläge angeht, sind gering.
Je ähnlicher die Klima- und Vegetationsbedingungen im neuen und alten Lebensraum sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich fremde Arten im neuen Habitat ausbreiten können. Es ist also für Tiere aus Nordamerika und Asien einfacher, in Deutschland zu überleben als für Tiere aus Südamerika.

Invasive Neozoen - Die Geister, die ich rief...

Nun zu der folgenden Frage: Was sind denn nun invasive Neozoen? Was macht sie invasiv und welche Kriterien müssen sie dazu erfüllen? Können wir einfach alle Neozoen, die in unser Land "eingedrungen" sind, als invasiv bezeichnen? Oder werden sie aus dem einfachen Grund als invasiv bezeichnet, da sie uns wie Fremde erscheinen, wie Aliens, die eine Invasion planen?

Ich habe mich darum bemüht, eine einfache als auch allgemeingültige Definition zu finden:
Bei einer Art handelt es sich dann um eine invasive Art, wenn sie sich relativ schnell verbreiten und ökologische, ökonomische oder gesundheitliche Schäden verursachen.

Nicht alle neue Tierarten, die eingeschleppt wurden, sind invasiv. Viele von ihnen verschwinden nach kurzer Zeit aus der für sie neuen Fauna, da sie in dem neuen Gebiet nicht überleben können (mögliche Gründe: intra-/interspezifische Konkurrenz, lebensfeindliches Gebiet, wenig Nahrungsangebot). Andere etablieren sich ohne weitere negative Auswirkungen in dem Ökosystem.
Andere widerrum stellen eine Gefahr für das heimische Ökosystem dar, da sie zu Veränderungen des heimischen Ökosystems führen können, die Zusammenstellung und/oder Anzahl der heimischen Arten verändern können, sei es auch nur durch Hybridisierung.
Wir können also zusammenfassend sagen, dass invasive Neozoen gebietsfremde, nicht-einheimische Arten aus dem Tierreich sind, die durch ihr Eindringen das einheimische Ökosystem (zer-)stören können.

Der Nimmersatt: Nordamerikanischer Ochsenfrosch (Rana catesbeiana)

Nordamerikanischer Ochsenfrosch Rana catesbeiana Abb. 6 Nordamerikanischer Ochsenfrosch (Rana catesbeiana), Herkunft: Nordamerika
Foto: Fir0002
Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic

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Eine genaue Anzahl der invasiven Arten werde ich hier nicht nennen, da hierzu nur wenige Quellen existieren, die Schätzungen weit auseinander gehen und sich die Zahl natürlich auch ständig ändert. Dennoch möchte ich im Folgenden ein paar Beispiele erwähnen:
Ein schönes Beispiel wäre der nordamerikanische Ochsenfroch Rana catesbeiana. Er galt in den 70-ern als eine Delikatesse und die Feinschmecker unter uns Menschen wollten auf eine so große Delikatesse natürlich nicht verzichten...außerdem konnten Amphibienliebhaber und -sammler das 20 cm große Riesenexemplar auch im Handel kaufen. Über kurz oder lang gelang dem Frosch der Sprung in die Freiheit irgendwann...
Bedingt durch seine Körpergröße und auch durch sein Verhalten stellt der Ochsenfrosch eine Platzkonkurrenz und einen Prädator für viele einheimische Arten dar.
Seine Speisekarte ist recht ungewöhnlich zusammengesetzt:
Er ernährt sich von Kleinkrebsen, Fischen, Amphibien, Schnecken, Kleinsäugern (Mäuse, Ratten, Nager, Fledermaus) , Insekten, Kleinvögeln und gelegentlich auch von Reptilien (Schlangen).
Wenn es hart auf hart kommt, kann es auch mal vorkommen, dass er seine eigenen Nachkommen und Verwandten auffrisst.
Auch andere geschützte Arten verschont er nicht, darunter fallen besonders geschützte Schwanzlurche, Echsen und nicht zu vergessen geschützten Libellen.
Die Bekämpfungsmaßnahmen in Deutschland scheinen im Vergleich zu anderen Ländern etwas dürftig, aber das liegt auch teilweise an dem kleineren Verbreitungsgebiet der Ochsenfrösche.
Bekämpfungsmaßnahmen sind unter anderem: Bejagung, Abfangen von Adulten, Auspumpen kleiner Teiche und der Einsatz des Elektrofischens.
Man schätzt die derzeitigen Kosten für die Bekämpfung auf rund 3.000 €.
Sollten sich die Ochsenfrösche auf andere Seen ausbreiten, muss in Zukunft mit einem größeren Aufwand gerechnet werden. Die Anzahl der Helfer, die im Jahre 2003 20 Mitarbeiter betrug (und das verteilt auf das ganze Jahr!), und der Einsatz des Elektrofischens müssten verzehnfacht werden.
Wenn man davon ausgeht, dass die Ochsenfroschpopulationen sich alle zwei Jahrzehnte verdoppeln, könnten sich die Kosten im Jahre 2060 auf 1.000 Mio. € und im Jahre 2120 auf min. 4.000 Mio. € belaufen.

Maiswurzelbohrer Diabrotica virgifera

Maiswurzelbohrer Abb. 7 Maiswurzelbohrer Diabrotica virgifera, Herkunft: Zentralamerika
Foto: Bemoeial2
Lizenz: public domain, da Werk der United States Federal Government

Die Originaldatei ist hier zu finden.
Der Maiswurzelbohrer, der aus Zentralamerika stammt, wird als der gefährlichste Schädling im Maisanbau gefürchtet, da er den Ertragsgewinn bei Maismonokulturen extrem beeinträchtigen kann. Somit stellt er keine ökologische Bedrohung dar, sondern eine wirtschaftliche.
Zwar ist seine Hauptnahrungsquelle der Mais, aber auch andere Pflanzen verschont er nicht. Darunter fallen z.B. Pollen von Amarant, Weißer Gänsefuß, Ambrosia, die gewöhnliche Spitzklette, Sonnenblume, verschiedenen Gurkengewächse, Sojabohnen und Luzerne.
Die Maiswurzelbohrer-Larven befallen die Haupt- und Luftwurzeln der Pflanzen und sorgen bei starkem Befall für das Absterben der Pflanze, da die Wasser-/Narungsaufnahme extrem beeinträchtigt wird.
Die Larven bohren sich in die Wurzeln der Maispflanze hinein und hinterlassen für sie typische Röhrensysteme.
Weitere Nebenwirkungen durch Maiswurzelbohrer-Larven beim Fraß sind Pilzinfektionen, die hinzu kommen können.
Sind die Larven erst einmal zu Adulten weiterentwickelt, fressen sie mit Vorliebe die Narbenfäden der weiblichen Blütenstände und die Pollen. Sollten die Pflanzen jedoch noch keine Blütenorgane ausgebildet haben, sind deren Blätter dem Fensterfraß ausgesetzt.
Wenn die Maiswurzelbohrer die Narbenfäden extrem beschädigen, kann die Befruchtung der Pflanze so sehr gehemmt werden, dass sie keine Körner am Kolben ausbilden kann.
Die durch den Maiswurzelhohrer verursachten Verluste können in die Millionenhöhe (jährlich!) gehen (in der USA: rund eine Milliarde). Aus diesem Grunde wird der Schädling auch als "Milliarden-Dollar-Käfer" bezeichnet.
In Europa sind derzeit keine natürlichen Feinde bekannt, weswegen nicht allzu viele Möglichkeiten zur Verfügung stehen, um den Maiszurzelbohrer unter Kontrolle zu bringen. Eine der Möglichkeiten ist die Fruchtfolgenwirtschaft mit einem mindestens dreijährigen Verzicht auf Maisanbau. Die Anwendung von Pestizidien ist nicht immer erwünscht, da sie das Ökosystem (unter anderem andere Pflanzen- und Tierarten) beeinträchtigen können.
Als Alternative stellt der gentechnisch veränderte Mais eine Möglichkeit der Bekämpfung dar.

Bisam Ondatra zibethicus

Bisam Abb. 8 Bisam Ondatra zibethicus, Herkunft: Nordamerika
Foto: D. Gordon E. Robertson
Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Die Originaldatei ist hier zu finden.
Wir haben jetzt zwei Beispiele kennen gelernt. Der Ochsenfrosch verursachte hauptsächlich Schäden an dem Ökosystem, indem er einheimische und bedrohte Tierarten verdrängte. Der Maiswurzelbohrer hingegen verursachte wirtschaftliche Schäden, indem er den Maisertrag drastisch behinderte.
Jetzt möchte ich eine invasive Art vorstellen, die im gesundheitlichen Bereich ihre Spuren hinterlässt: die Bisamratte.
Sie stellt einen potentiellen Zwischenwirt des Fuchs- & Katzenbandwurms dar.
Die Infektionsquote bei Menschen durch die Bisamratte ist in den letzten Jahren gestiegen.
Die direkten Kosten, die sich dadurch im Gesundheitswesen ergeben, sind ca. 4,6 Mio. €. Wenn man die indirekten Kosten mit einbezieht, die z.B. durch allergisches Asthma auftreten, summiert sich die der Betrag auf 9,1 Mio. €.
Abgesehen davon treten noch weitere Kosten wegen Arbeitsunfähigkeit und auch Todesfälle auf.
Bezieht man auch die Schäden in anderen Sektoren mit ein und auch die Kosten für die Bekämpfungsmaßnahmen, kommen wir auf eine stattliche Summe von über 12 Mio. € jährlich mit einer Obergrenze von über 18 Mio. €.

Prognosen

Anhand dieser drei Beispiele habe ich versucht, zu zeigen, wie invasive Neozoen ökologische, ökonomische und gesundheitliche Schäden verursachen können und welche Kosten mit ihnen einhergehen.
Nachdem man eine invasive Art erkennt, deren Schaden uns Menschen direkt betrifft, wird natürlich versucht, Maßnahmen dagegen zu ergreifen.
Durch das Wachstum der Menschenpopulation weltweit und der Möglichkeit, auch die letzten Ecken der Erde jederzeit besuchen zu können, wird in Zukunft mit einer steigenden Zahl von Verschleppungen gerechnet. Zwar können wir nicht vorhersagen, welche neue Art sich in dem neuen Land als invasiv entpuppt, aber die Wahrscheinlichkeit für mehr invasive Neozoen steigt nichtsdestotrotz.
Auch die Folgen von bereits eingeschleppten Arten werden in Zukunft sichtbarer werden, da sie möglicherweise eine noch zu kleine Population bilden, deren Schäden noch nicht beziffert werden konnten.
Ganz besonders an Orten mit Störungsfaktoren (Agriozönose, Forst, Ballungsräume, belastete Gewässer) oder noch nicht erreichter Sättigung (deutsche Küsten, saltzbelastete Fluss-Strecken, neue Kanalsysteme) erwartet man mehr invasive Neozoen, da sich z.B. an solchen Orten weniger oder keine Konkurrenten finden, die ihnen das Wachsen erschweren könnten.

Maßnahmen

Angesichts solcher Prognosen stellt sich die Frage, welche Maßnahmen ergriffen werden können und müssen und wie konsequent sie erscheinen.
Einige mögliche Maßnahmen werden unten aufgeführt:

1. eine nationale/europaweite und/oder internationale Rechtslage
2. ein Früherkennungssystem schaffen
3. Bevölkerung miteinbeziehen und aufklären
4. mehr Geld für Naturschutz
5. Koordinationsarbeit mit:
     a. Schulen/(Fach-)Hochschulen
     b. Jugendorganisationen
     c. Vereinen
     d. Landwirten und Landwirtschaftsverbänden
     e. Zoos, Tierheimen
6. künstlich-biologische Barrieren an Kanälen erschaffen: wie im Falle des Suez-Kanals die lebensfeindlichen Bitterseen



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